Sonntag, 13. November 2011

Caminatas por la nieve

Schneewanderungen

Wie die Tour nach Tricahue ist auch dieser Ausflug bereits eine ganze Weile her, aber trotzdem möchte ich ihn euch nicht vorenthalten. Es war wieder einmal ein langes Wochenende - keine Ahnung, was nun schon wieder gefeiert wurde, auf jeden Fall war Montag und Dienstag frei - und so fuhr ich mit Basti, ClaudiusPatrick und Flo nach Pucón, laut dem Reiseführer Lonely Planet das Abenteuer-Mekka Südamerikas und zugleich Wohn- und Arbeitsort von Patricks Freundin Sophie.

Tag 1 - Freitag, 7. Oktober 2011


Nachdem unser Bus dann endlich kam, machten wir es uns in unseren "Semi-Camas" (Halbbett-Sessel) bequem und es ging wie immer auf die Panamericana - eigentlich die einzige Straße, die Chile braucht, weil sie von Norden nach Süden führt und das Land nur 100 bis 200 Kilometer breit ist.


Tag 2 - Samstag, 8. Oktober 2011

Nach 830 Kilometern Straße, 10 Stunden Fahrt, zu wenig Schlaf und einem chilenischen Frühstück im Bus, bestehend aus einer Erdbeercremewaffel und Ananassaft - klingt jetzt beides deutlich besser, als es schmeckt - kamen wir in Pucón an. Die Häuser in der Stadt sind alle aus Holz gebaut. Vom Gefühl her ist jedes zweite Haus ein Hostel, und die Geschäfte dazwischen sind Reiseagenturen, die unter anderem Touren auf den Vulkan Villarrica anbieten, der die Stadt überragt.
Zunächst versuchten wir jedoch, Sophie und ihre Freundin Marleen zu finden, die mit ihr in einer der erwähnten Reiseagenturen für ein paar Monate als Freiwillige arbeitet. Dies gestaltete sich jedoch ein wenig komplizierter als gedacht, da es selbst in der kleinen Stadt Pucón verschiedene Busterminals gibt und die Marleen und Sophie von den Einheimischen zum falschen Terminal geschickt wurden. Daher gingen Basti, Claudius und ich auf Hostelsuche - besser gesagt: Hostelauswahl, man wird wirklich an jeder Ecke angeschnackt - und entschieden uns schließlich für eine "cabaña" (Hütte) für fünf Personen, die für uns alle zusammen 30.000 Pesos, oder 45 Euro, pro Nacht kostete.
Anschließend entschlossen wir uns spontan, einen "Rafting"-Trip (sinngemäße Übersetzung: Schlauchbootfahring) zu unternehmen. Dass wir der spanischen Sprache mittlerweile perfekt mächtig sind, bewiesen wir sodann, als der Guide "atrás, atrás" (rückwärts, rückwärts) rief und wir volle Möhre nach vorne paddelten. Dafür schmiss er uns dann später in den kalten, aber erfrischenden Fluss, und so kam jeder auf seine Kosten. Es war auf jeden Fall lustig, aber mit 18.000 Pesos pro Person (27 Euro) auch nicht ganz billig.
Auch die Kultur kam selbstverständlich nicht zu kurz: hier stehe ich neben einer Holzfigur, die einen Mapuche-Indianer darstellen soll. Das Volk der Mapuche hat alle Eindringlinge entschieden und erfolgreich bekämpft. Nach etwa 500 Jahren Verteidigungskrieg gegen die Inkas kamen noch einmal 300 Jahre bewaffneter Widerstand gegen die "conquistadores" (Eroberer, also die Spanier) und anschließend gegen die Chilenen. Das jedoch mit Erfolg: sie sind der einzige Ureinwohner-Stamm Südamerikas, dessen Unabhängigkeit offiziell anerkannt wird. Nichtsdestotrotz haben sie wie so viele Ureinwohner damit zu kämpfen, die gerichtlichen Beschlüsse, die ihren Anspruch auf Land anerkennen, gegen die Interessen der Wirtschaft durchzusetzen.
Anschließend genossen wir den Sonnenuntergang am "Lago Villarrica" (Villarica-See).
Die Reisegruppe, von links nach rechts: Marleen, Basti, Flo, Sophie, Patrick, ich und Claudius. Man fühlte sich in Pucón ein bisschen wie in Deutschland - so gibt es dort unter anderem die Bäckerei Rostock, und auch den Straßennamen sah man an, woher die Einwanderer einmal kamen.
Tag 3 - Sonntag, 9. Oktober 2011

Wir mussten früh aufstehen, schließlich wollten wir heute den 2850 Meter hohen Vulkan besteigen! So saßen wir um 7 Uhr im Bus zum Basislager, von wo aus es knappe sechs Stunden bis zum Gipfel dauern sollte. Die Ausrüstung war in den 34.000 Pesos, etwa 50 Euro, enthalten, die wir für die Tour zahlten.
Da soll es raufgehen! Claudius' Eispickel ist schon einsatzbereit. Warum liegt hier eigentlich Schnee? Die Erklärung gibt's im Video.


In einem sehr langsamen Tempo stapften wir den Berg hinauf. Noch schien die Sonne und es war nicht windig, sodass ein langärmliges T-Shirt ausreichte. Jede halbe Stunde machten wir für fünf Minuten Pause, sodass man etwas essen oder trinken konnte. Zum Glück hatten wir genug Essen dabei, sodass Flo die Qual der Wahl hat: Officer oder Fruit-Officer? (Snickers oder Banane?)
Langsam wurde es kälter, wie man auch an unserer Kleidung sieht. Im Hintergrund seht ihr den Lago Villarrica, an dem Pucón liegt.
Fast wäre Basti in die Gletscherspalte gef... ach, wir haben ja eine Verschwiegenheitserklärung mit der Agentur unterschrieben! Selbstverständlich war Leib und Leben während der herausfordernden Tour nie in Gefahr. Es wurde aber immer kälter, windiger, steiler und vereister, wie man im folgenden Video sieht und hört.


Und dann, kurz nach 14 Uhr, war es endlich so weit: wir erreichten den Gipfel! Auf dem Bild: Claudius, Flo und unser Führer Álvaro.
Ein Blick in den Schlund - keine Lava, schade. Dafür stieg aber nach Schwefel stinkender Rauch auf und es wurde einem klar, dass der Vulkan tatsächlich noch aktiv ist und jederzeit ausbrechen könnte. Und wir stehen am Kraterrand, ohne Geländer - in der EU wäre der Vulkan schon längst abgerissen worden - und dürfen das erleben. Beeindruckend!
Allzu lange blieben wir dann aber auch nicht oben, denn es war kalt, windig und stank nach Schwefel. Müssen wir das jetzt alles wieder nach unten laufen? Nee, geht doch auch einfacher - Schlitten fahren!


Nach drei Stunden Abfahrt und Abstieg fielen wir erschöpft in den Wagen, der uns zurück nach Pucón bringen sollte. Der Vulkan ist auch unter den optimalen Wetterverhältnissen, die an diesem Tag herrschten - Sonne und kein Schneesturm! - nicht ohne und es ist auf jeden Fall keine Schande, den Aufstieg abzubrechen.
Abends gingen wir dann noch in die heißen Quellen in der Nähe von Pucón. Wie der Vulkan schon vermuten lässt, ist die Erde sehr aktiv in der Region, und so genossen wir das warme Wasser, das dort in der Gegend an die Erdoberfläche strömt. So hatten wir auch am ...

Tag 4 - Montag, 10. Oktober 2011

... überraschenderweise keinen Muskelkater. Dies kam uns sehr entgegen, da wir in den nahe gelegenen Nationalpark Huerquehue fahren wollten. Der Bus fuhr dreimal am Tag und nach einem kurzen Sprint kamen wir pünktlich um 12.03 Uhr am Busterminal an, um den Bus um 12.00 Uhr zu nehmen. Natürlich war der Bus noch da - natürlich! Vielleicht für den deutschen Leser unverständlich, aber für den Südamerikakenner logisch.
Da wir alle stolze Besitzer eines chilenischen Ausweises sind, kamen wir in den Genuss des günstigeren Preises für Einheimische - ja gut, 1000 statt 2000 Pesos (1,50 statt 3 Euro) ist nicht die Welt, aber trotzdem nett.
Auf der Suche nach unserer Unterkunft kamen wir an einem Haus vorbei, an dem küchen verkauft wurden. Was sind denn bitte küchen, oder auch kücken geschrieben? Küken? Musterhausküchenfachgeschäft? Alles falsch - küchen ist die chilenische Mehrzahl von kuchen, was so viel wie "Obsttorte" bedeutet. Wir entschieden uns also für einen "kuchen de mora" (Brombeertorte), der aus Mürbeteig mit Brombeermarmelade und Sahne bestand und nach so einer Vulkanwanderung am Vortag einfach himmlisch schmeckte! Und dabei konnte ich auch gleich meinen Freunden ein hamburgisches Wort beibringen: Schlaggermaschlü!
Fast nebenan lag dann auch das "Refugio Tinquilco" (Berghütte Tinquilco), die einzige Übernachtungsmöglichkeit im Park. Das wunderschöne Holzhaus hat der Eigentümer selbst erbaut, und Strom kommt von einem kleinen Wasserkraftwerk im nahe gelegenen Fluss. Allerdings ist die produzierte Leistung nicht allzu hoch, sodass man das Licht ausmachen musste, um den Mixer benutzen zu können! Nachdem wir unsere Siebensachen dort abgelegt hatten, machten wir uns auf in Richtung der höher gelegenen Seen, die im Nationalpark auf unseren Besuch warteten.
Schon bald wurde aus dem Weg ein Pfad auf dem meterhoch liegenden Schnee, doch das sollte uns nicht davon abhalten, weiter zu gehen. Dafür wurden wir dann auch von der Natur mit einigen atemberaubenden Anblicken belohnt.
Die Eindrücke sind hier auch noch einmal für euch bewegt festgehalten.


Später kamen wir dann noch zur „Laguna El Toro“ (Bullenlagune), wo der Weg im Winter endete, da ab hier einfach zu viel Schnee lag.
Auch der See war vereist und verschneit, woraufhin Claudius und ich einmal die Dicke testeten. Genau die Aktivitäten, vor denen mich meine Mama immer gewarnt hat - und man macht sie trotzdem...


Abends gingen wir dann noch einmal an den Lago Huerquehue und bewunderten die mysteriöse Stimmung, die der See in der Abenddämmerung verbreitete.
Anschließend gab es einen Riesentopf Risotto - abgesehen von den Zutaten wie Hühnchen und Gemüse verbrauchten wir zu viert unter anderem ein Kilo Reis! – und bald gingen wir auch schlafen, da solche Schneewanderungen ganz schön schlauchen.

Tag 5 - Dienstag, 11. Oktober 2011

Am Morgen wollten wir noch die Wasserfälle im Nationalpark bestaunen, bevor es wieder zurück nach Pucón ging. Also marschierten wir nach einem leckeren Frühstück wieder den gleichen Berg wie gestern hinauf, und nach einer knappen Stunde hörte man es rauschen. Das folgende Video gibt euch einen Eindruck davon.


Kalt, nass - und trotzdem wunderschön. Zwei der Eigenschaften hatte der Wasserfall mit Bremen gleich. Ihr könnt ja mal raten, welche ...
Auf dem Rückweg - besser gesagt, auf dem Rücklauf - zum Bus sahen wir noch ein paar süße Schafe mit Jungtieren und interessante Pflanzen, die am Wegesrand wuchsen. Am Ende kamen wir zu spät an - und doch zu früh, weil der Bus noch nicht da war.
Zurück in Pucón hatten wir ja noch den Nachmittag Zeit. Also hängten wir eine flotte "Canopy"-Tour (quasi Seilbahn fahren, siehe auch das Video) für 12.000 Pesos (18 Euro) an, die in den Baumwipfeln des Pucón umgebenden Waldes stattfand.


Hier seht ihr noch einmal die gesamte Gruppe - leider ohne Sophie, die arbeiten musste.
Damit war unser Aufenthalt in Pucón leider auch schon fast vorbei. Nach einem abschließenden Schokoladen-Fondue bestiegen wir den Bus für die Rückfahrt, für die wir uns einmal Sitze in der Klasse "Cama" (Bett) gegönnt hatten.
Willkommen in der Gentlemens' Lounge! Nur drei statt vier Sitze pro Reihe, noch mehr Beinfreiheit und Rücklage, Kopfhörer - es mangelte an nichts. Nur das Essen war genauso schlecht wie auf der Hinfahrt. So kamen wir am ...

Tag 6 - Mittwoch, 12. Oktober 2011

... um 6 Uhr morgens mehr oder weniger ausgeruht in Santiago an, um um 8.15 Uhr pünktlich zur Elektrotechnik-Stunde in der Uni zu sein. "Work hard, play hard." (Hart arbeiten, aber auch die Freizeit auskosten.) Klingt fair.

Ich hoffe, die vielen Videos haben euch gefallen und euch einen Eindruck von der Region um Pucón vermittelt. Bis dann, euer Lars

Dienstag, 8. November 2011

Hasta el fin del mundo

Bis zum Ende der Welt

Bereits vor einer ganzen Weile - der Blick auf die Bilder verrät mir, es war Ende September! Damals, als auf den Streik noch Verlass war und die ersten Sonnentage den chilenischen Winter vertrieben - machten wir uns nach Tricahue auf. Ein Mitbewohner von Flo hatte ihm diesen Ort als idyllisch empfohlen, und da es auch gar nicht so weit weg war von Santiago, setzten wir uns wieder in den Bus ...
... und ab ging es auf die Panamericana, 340 Kilometer Richtung Süden.

Nach drei Stunden erreichten wir Talca, wo wir eine Stunde Umsteigezeit hatten und in der Zeit einkaufen gingen. In Tricahue gab es nämlich weder Super- noch Mikromarkt. So entschieden wir uns, was wir kochen wollten, und kauften dementsprechend Müsli, Früchte, Officer und Fruit-Officer (den meisten Leuten unter den Namen Snickers und Bananen bekannt) sowie die Zutaten für das Grillen, den Gemüsereis mit Sahne, die Pfannkuchen und die Lasagne (mit Gourmetecke für Patrick, ergo ohne Spinat!) ein.
Beim Warten im Bus auf die Abfahrt: Mein SPIEGEL-Abo erfreut sich großer Nachfrage.
Nach weiteren anderthalb Stunden im Bus mit einer Menge Schulkindern auf dem Weg nach Hause und Geschwindigkeiten von unter 20 km/h - was wir als zukünftige Ingenieure mit Hilfe der Straßenmarkierungen und einer Stoppuhr ausrechneten, weil es uns zu doof vorkam, nach vorne zu gehen und auf den Tacho zu schauen - meinte ein Kind, dem wir von unserem Reiseziel erzählt hatten, wir müssten hier jetzt raus.
Hier? Am Ende der Welt?

Auf halbem Wege zur argentinischen Grenze hatten wir einen Ort gefunden mit wahrhaftig schöner Natur! Die entscheidende Frage war nun nur, wo denn jetzt das gesuchte Refugio Tricahue lag.
Doch nach einer Weile erspähten wir ein Holzhaus zwischen den Bäumen und der dort lebende Franzose Dimitri begrüßte uns mit einem selbstgebrannten Schnaps, bevor er uns die von ihm erbaute Gästehütte zeigte.
Schweden? Dänemark? Chile!
Mit Basti, Veronika, Flo und Patrick (von links nach rechts) genoss ich erst einmal die gute Luft und wir erkundeten die Umgebung. Der Fluss führte ziemlich wenig Wasser, wie man hier sieht. Chile leidet unter einer langanhaltenden Dürre, was große Probleme für die Energieversorgung mit sich führt, da traditionell die Hälfte des Stroms aus Wasserkraftwerken kommt. Einige Stauseen führen aber nur noch 3% ihrer Wasserkapazität - ja, Señor Zurita, ich habe mich für die Elektrotechnik-Klausur tatsächlich vorbereitet! - und so werden momentan alle verfügbaren Dieselgeneratoren angeschmissen, damit es genug Strom gibt.
Just an jenem Wochenende kam es zu einem Stromausfall in großen Teilen des Landes, weil ein Umspannwerk kaputt gegangen ist. Da das Land lang und schmal ist, gibt es eine zentrale Stromleitung - und wenn die nicht mehr ist, ist halt auch kein Strom mehr. Aber uns störte das nicht - in Tricahue konnte man wunderbar versacken, mit Strom oder ohne. Gekocht wurde schließlich mit Gas - wie in ganz Chile übrigens - und geheizt mit dem Holzofen.
Ein paar Eindrücke aus der umwerfenden Natur mit meiner umwerfenden Kamera.
Am nächsten Tag wollten wie eine achtstündige Wanderung unternehmen, liefen allerdings den Rundkurs in die verkehrte Richtung los. Im Schlepptau kamen zwei Hunde mit, von denen einer Dimitri gehörte und der andere ein Straßenhund war, der sich besonders über meine Gesellschaft freute. Wir liefen etwa zwei Stunden in die richtige Richtung, fanden dann aber den Abzweig nicht und fanden uns nach einer recht langen und intensiven Suche an einem Bergbach wieder, der ohne Strömung wohl schon längst gefroren wäre.
Die leichte Kleidung täuscht: die Sonne schien zwar, aber das Wasser war eiskalt. Geschätzt waren wir fünf zusammen vielleicht eine Minute im Wasser!
Doch obwohl wir nicht dort hinkamen, wo wir hinwollten, waren wir glücklich und genossen einige tolle Blicke auf die Anden! Die chilenisch-argentinische Grenze, von Tricahue weniger als 100 km entfernt, verläuft direkt entlang der Bergkette.
Eigentlich wollten wir ja abends Informatik lernen, aber es war so schön am Feuer mit Pisco und Cola ... morgen war ja auch noch ein Tag!
Am nächsten Tag liefen wir also noch einmal in den Wald, diesmal aber richtig herum - und plötzlich gab es auch Schilder!
Dieser Uhu betrachtete uns skeptisch.
Mitgekommen war diesmal wieder Dimitris Hund, dazu noch ein treuer Begleiter, den wir liebevoll Lassie tauften. Beide Hunde waren glücklich, mal ein bisschen Bewegung und Abwechslung zu bekommen, und tollten um uns herum, während wir uns den Berg hinaufquälten. Aber die Aussicht belohnte uns dann auch für den steilen Aufstieg.
Bambus säumte unseren Weg.
Insgesamt zählten wir vier Vogelspinnen auf dem Weg, alle etwa in dieser Größe. Zum Glück trugen wir festes Schuhwerk, aber die Viecher jagten uns schon Schrecken ein. So groß! Und so pelzig! Später kamen wir dann auch auf dem Weg vom vorherigen Tag heraus, aber der Abzweig war so versteckt, dass man ihn wirklich nicht erkennen konnte! Am gleichen Bergbach, aber an einer anderen Stelle, gingen wir dann wieder baden.
Hier noch motiviert, ...
... hier von der Kälte geschockt. Wenn ihr auf das Bild klickt, dann auf Show original unten links, und dann noch einmal auf das Bild - hey, ich hab mir das nicht ausgedacht! - könnt ihr den Gesichtsausdruck vergrößert genießen!
Lustige Geschichte am Rande: Als wir alle auf der anderen Seite des Flusses waren, hatte Lassie das Bedürfnis, zu uns zu kommen. So versuchte er, trockener Pfote über den Fluss zu kommen, was ihm aber nicht gelang, da er auf den glitschigen Steinen wegrutschte und vom Wasser ein paar Meter mitgerissen wurde. Als er dann da war, wollten wir aber eigentlich schon wieder zurück, und so wurde Lassie noch einmal komplett nass. Danach schüttelte er sich für ungefähr fünf Minuten - wir sind der Meinung, er hat sich bei dem Ausflug in den Bach das Gehirn weggefroren. Dimitris Hund blieb derweil faul in der Sonne liegen.
Am Abend wurde es wieder nichts mit dem Lernen, sodass die Busfahrt reichen musste (nach der Klausur wussten wir: sie hat gereicht!). Doch bevor ich zum Ende komme, mache ich einfach noch mal ein bisschen Werbung für Dimitri und das Refugio Tricahue. Ein toller Ort mitten in der Natur zum Entspannen. Wer in Chile ist und ein bisschen Ruhe braucht, der ist dort genau richtig! Und wenn ihr da seid, dann fragt nach meinen Flipflops, Havaianas Größe 46, schwarz mit grünen Streifen - die müssten noch da sein :D

Bis dann, euer Lars

Samstag, 22. Oktober 2011

Estudiando a tiempo parcial

Teilzeitstudium
Nach drei Monaten in Chile merke ich langsam, wie sich mein Aufenthalt hier dem Ende zuneigt. Noch einen Monat Vorlesungen, dann ist der Ernst des Lebens auch wieder vorbei und die Reisezeit kann beginnen! Allerdings hat sich das Studieren nicht als immer einfach herausgestellt und besonders die Streiks machen uns das Leben und Lernen schwer. Nachdem unsere Uni ja für drei Wochen komplett bestreikt wurde, hat sich die Situation bei uns wieder entspannt und wir haben grundsätzlich Vorlesungen.
Allerdings wird alle 1-2 Wochen immer mal wieder für einen oder zwei Tage zum Streik aufgerufen - dies jedoch weniger aus Protest gegen die Studienbedingungen, sondern vielmehr, um so dann und wann mal eine Pause zwischen den Klausuren zu haben, die nun Schlag auf Schlag kommen. Doch weshalb und wogegen wird in Chile überhaupt gestreikt? Darum soll es in diesem Artikel gehen, dazu kommen Bilder aus dem täglichen Leben.
Das versmogte Santiago, im Hintergrund die verschneiten Anden.

In diesem Land zur Universität zu gehen ist ein Luxus. Ein Semester an meiner Uni kostet beispielsweise für einen Einheimischen umgerechnet bis zu 5000 Euro. Viel Geld in Deutschland - sehr viel Geld in Chile, wo der Mindestlohn für 45 Wochenstunden Arbeit bei 250 Euro liegt. Die monatlichen Raten sind also doppelt so hoch wie der Mindestlohn, und die Santa María, wie meine Uni kurz für Universidad Técnica Federico Santa María genannt wird, liegt dabei noch im Mittelfeld. Andere Universitäten verlangen zum Teil doppelt so viel und bereiten so vielen Studenten schlaflose Nächte, wie sie ihr Studium finanzieren sollen.
Der Staat hält sich dabei aus der Bildung weitgehend heraus. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Schulen und Universitäten grundsätzlich kostenlos sind, wird der Bildungsauftrag daher zu großen Teilen vom privaten Sektor übernommen. Und da geht das Drama los: in der chilenischen Verfassung steht, dass die involvierten Unternehmen nicht profitorientiert sein dürfen. Den klugen Unternehmer stört diese Bedingung allerdings nicht: er gründet einfach eine weitere Firma, der dann beispielsweise das Grundstück gehört, auf dem die Uni steht. Diese Firma darf natürlich lucro ("Gewinn") machen, indem das Grundstück an die Uni teuer vermietet wird... ¿cachái? (typisch chilenischer Ausdruck: "Verstanden?")
Einer der allgegenwärtigen Straßenhunde. Nur wenige Betonplatten der Fußwege haben keine Pfotenabdrücke.

Vor etwa einem halben Jahr haben die Studenten dann die Nase voll gehabt und sind gegen diese Missachtung geltenden Rechts auf die Straße gegangen. Der konservative chilenische Präsident Sebastián Piñera - euch vielleicht für diesen Fauxpas bekannt - ist jedoch in keinster Weise auf die Demonstranten eingegangen, sondern meinte nur flapsig, es sei halt nichts im Leben umsonst.
Jede Woche gibt es Demonstrationen in der Stadt, zu denen mehrere Tausend Studenten erscheinen! Zu den Studenten gesellen sich jedoch auch immer wieder Krawallmacher, die Busse anzünden und die Polizei mit Steinen bewerfen, woraufhin Wasserwerfer und Tränengas-Sprühfahrzeuge eingesetzt werden - so schnell wird das Problem nicht zu lösen sein. Die Situation ist festgefahren, und wir können uns glücklich schätzen, dass bei uns nicht dauerhaft gestreikt wird.
Ein Tag mit wenig Smog, sodass der Cerro San Cristóbal gut erkennbar ist, von dem die virgen  ("Jungfrau") die Stadt überblickt.
Unsere Uni hat noch zwei weitere Campus (Mehrzahl mit langem U), von denen der eine en toma ("eingenommen") ist und der andere "nur" bestreikt wird. Allerdings haben die Studenten den Campus an diesem Mittwoch und Freitag jeweils für eine Stunde eingenommen, woraufhin der Rektor den Campus ebenso prompt von der Polizei räumen ließ. Ihr seht - auch, wenn wir wieder studieren, sind wir noch nicht über den Berg!
Ich persönlich kann die Studenten verstehen, weil die Studiengebühren echt teuer sind - mein Mitbewohner Gerardo zahlt beispielsweise seinen Kredit mit 1000 Euro monatlich ab, fünf Jahre lang! Auf der anderen Seite ist nun einmal nichts umsonst - da hat Señor El Presidente ("der Präsident") schon Recht - und als ich einmal den Chilenen erzählte, wie hoch in Deutschland der Spitzensteuersatz ist, fielen diese fast vom Glauben ab. Im Endeffekt gibt der deutsche Staat mir ja auch theoretisch einen Kredit, indem er mir die Uni finanziert, und ich zahle diesen später als Akademiker mit einem hoffentlich höheren Einkommen auch mit höheren Steuern zurück. Ist das günstiger? Wohl kaum. Ist es sozial gerechter? Auf jeden Fall!
Ein toller Frühlingstag in Santiago mit 30°C. In der Mitte sieht man den höchsten Turm Südamerikas, das sich noch in Bau befindende Costanera Center.

Ich weiß nicht, ob das deutsche Modell im liberalisierten Chile funktionieren würde. Würden die Studenten im Gegenzug für ein kostenloses Studium Steuersätze von 40% und mehr zahlen? Ich bin mir nicht sicher. Außerdem besteht das Problem ja nicht erst seit gestern, sondern der lucro wurde über Jahrzehnte hinweg von links orientierten Regierungen geduldet. Nun ist zum ersten Mal seit der Diktatur unter Augusto Pinochet eine konservative Regierung an der Macht, der jetzt alles in die Schuhe geschoben wird. Wird da vielleicht nur ein Sündenbock gesucht?
Aber wie gesagt sind wir fleißig am Lernen. An unserem Campus im Viertel Vitacura studieren wir jeden* Montag, Mittwoch und Freitag (*Ausnahmen: Reisen, Feiertage, Streik, Prof kommt nicht mit Ankündigung, Prof kommt nicht ohne Ankündigung ... ein passioniertes Déjà-vu!). Vitacura ist wohl das reichste Viertel in ganz Chile. Beim Joggen durch die Nachbarschaft, in der die Häuser hinter drei Meter hohen Betonmauern stehen - tolles Leben - erspäht man so dann und wann einen privaten Fußballplatz oder einen Ferrari. Die Studenten an unserem Campus kommen zu einem großen Teil aus der Gegend und somit haben sie - also ihre Eltern - die notwendige plata ("Silber" - so wie wir Kohle sagen), also gibt es für sie keinen Grund zu streiken, wenn man mal von dem Wunsch nach ein paar freien Tagen absieht.
Ein Blick vom Cerro San Cristóbal auf mein Hochhaus, das Gebäude oben links mit der vertikalen ockerfarbenen Fensterreihe.

Nichtsdestotrotz wussten wir während des dreiwöchigen Streiks im September nicht, wie lange dieser andauern würde, und hatten uns so direkt mit den Professoren in Verbindung gesetzt. Da die Studenten zahlen und die Professoren bezahlt werden, egal ob gestreikt wird oder nicht, war ein Großteil der Professoren dazu bereit, mit uns mit dem Stoff privat weiterzumachen und bereits Klausuren zu schreiben im Hinblick auf Besuche aus Deutschland und unsere Reisepläne im November und Dezember. So viel Flexibilität hätte man in Deutschland nie erwarten können, und ich bin den Professoren sehr dankbar dafür!
Erwähnenswert ist, dass Uni in Chile so wie Schule in Deutschland ist. In jedem Fach werden während des Semesters 2-4 Klausuren geschrieben, und hinzu kommen viele Tests und Hausaufgaben. Während man in einigen Fächern wie Administración de Empresas ("BWL") oder Recursos Humanos ("Psychologie") eine ganze Menge Fachbegriffe auswendig lernen muss - Beispielfrage: Wie lauten die sechs Eigenschaften eines guten Anführers? - lernen wir in Programación ("Informatik") das Programm Python kennen, was echt Spaß macht. In Aerodinámica ("Aerodynamik") leiten wir viele Formeln her und beschreiben den Einfluss von Flügelformen und Gewichtsverteilung, und in Electrotécnia ("Elektrotechnik") - dem wahrscheinlich schwersten Fach - berechnen wir komplexe Wechselströme.
Die chilenische Nationalflagge vor scheinbar diesiger Luft, die tatsächlich aber einfach nur dreckig ist.

Durch unser frühzeitiges Bemühen, den ursprünglichen Zeitplan einzuhalten, sind wir tatsächlich mit allen Klausuren (bis auf eine) am 19. November fertig, und müssen dann am 30. November noch einmal antanzen, bevor wir endgültig unsere viermonatigen Semesterferien genießen können.
Ich hoffe, euch hat der Einblick in die chilenische Studienwelt gefallen. Falls noch Fragen offen sind, dann stehe ich euch gerne in den Kommentaren Rede und Antwort.

Euer Lars