Dienstag, 8. November 2011

Hasta el fin del mundo

Bis zum Ende der Welt

Bereits vor einer ganzen Weile - der Blick auf die Bilder verrät mir, es war Ende September! Damals, als auf den Streik noch Verlass war und die ersten Sonnentage den chilenischen Winter vertrieben - machten wir uns nach Tricahue auf. Ein Mitbewohner von Flo hatte ihm diesen Ort als idyllisch empfohlen, und da es auch gar nicht so weit weg war von Santiago, setzten wir uns wieder in den Bus ...
... und ab ging es auf die Panamericana, 340 Kilometer Richtung Süden.

Nach drei Stunden erreichten wir Talca, wo wir eine Stunde Umsteigezeit hatten und in der Zeit einkaufen gingen. In Tricahue gab es nämlich weder Super- noch Mikromarkt. So entschieden wir uns, was wir kochen wollten, und kauften dementsprechend Müsli, Früchte, Officer und Fruit-Officer (den meisten Leuten unter den Namen Snickers und Bananen bekannt) sowie die Zutaten für das Grillen, den Gemüsereis mit Sahne, die Pfannkuchen und die Lasagne (mit Gourmetecke für Patrick, ergo ohne Spinat!) ein.
Beim Warten im Bus auf die Abfahrt: Mein SPIEGEL-Abo erfreut sich großer Nachfrage.
Nach weiteren anderthalb Stunden im Bus mit einer Menge Schulkindern auf dem Weg nach Hause und Geschwindigkeiten von unter 20 km/h - was wir als zukünftige Ingenieure mit Hilfe der Straßenmarkierungen und einer Stoppuhr ausrechneten, weil es uns zu doof vorkam, nach vorne zu gehen und auf den Tacho zu schauen - meinte ein Kind, dem wir von unserem Reiseziel erzählt hatten, wir müssten hier jetzt raus.
Hier? Am Ende der Welt?

Auf halbem Wege zur argentinischen Grenze hatten wir einen Ort gefunden mit wahrhaftig schöner Natur! Die entscheidende Frage war nun nur, wo denn jetzt das gesuchte Refugio Tricahue lag.
Doch nach einer Weile erspähten wir ein Holzhaus zwischen den Bäumen und der dort lebende Franzose Dimitri begrüßte uns mit einem selbstgebrannten Schnaps, bevor er uns die von ihm erbaute Gästehütte zeigte.
Schweden? Dänemark? Chile!
Mit Basti, Veronika, Flo und Patrick (von links nach rechts) genoss ich erst einmal die gute Luft und wir erkundeten die Umgebung. Der Fluss führte ziemlich wenig Wasser, wie man hier sieht. Chile leidet unter einer langanhaltenden Dürre, was große Probleme für die Energieversorgung mit sich führt, da traditionell die Hälfte des Stroms aus Wasserkraftwerken kommt. Einige Stauseen führen aber nur noch 3% ihrer Wasserkapazität - ja, Señor Zurita, ich habe mich für die Elektrotechnik-Klausur tatsächlich vorbereitet! - und so werden momentan alle verfügbaren Dieselgeneratoren angeschmissen, damit es genug Strom gibt.
Just an jenem Wochenende kam es zu einem Stromausfall in großen Teilen des Landes, weil ein Umspannwerk kaputt gegangen ist. Da das Land lang und schmal ist, gibt es eine zentrale Stromleitung - und wenn die nicht mehr ist, ist halt auch kein Strom mehr. Aber uns störte das nicht - in Tricahue konnte man wunderbar versacken, mit Strom oder ohne. Gekocht wurde schließlich mit Gas - wie in ganz Chile übrigens - und geheizt mit dem Holzofen.
Ein paar Eindrücke aus der umwerfenden Natur mit meiner umwerfenden Kamera.
Am nächsten Tag wollten wie eine achtstündige Wanderung unternehmen, liefen allerdings den Rundkurs in die verkehrte Richtung los. Im Schlepptau kamen zwei Hunde mit, von denen einer Dimitri gehörte und der andere ein Straßenhund war, der sich besonders über meine Gesellschaft freute. Wir liefen etwa zwei Stunden in die richtige Richtung, fanden dann aber den Abzweig nicht und fanden uns nach einer recht langen und intensiven Suche an einem Bergbach wieder, der ohne Strömung wohl schon längst gefroren wäre.
Die leichte Kleidung täuscht: die Sonne schien zwar, aber das Wasser war eiskalt. Geschätzt waren wir fünf zusammen vielleicht eine Minute im Wasser!
Doch obwohl wir nicht dort hinkamen, wo wir hinwollten, waren wir glücklich und genossen einige tolle Blicke auf die Anden! Die chilenisch-argentinische Grenze, von Tricahue weniger als 100 km entfernt, verläuft direkt entlang der Bergkette.
Eigentlich wollten wir ja abends Informatik lernen, aber es war so schön am Feuer mit Pisco und Cola ... morgen war ja auch noch ein Tag!
Am nächsten Tag liefen wir also noch einmal in den Wald, diesmal aber richtig herum - und plötzlich gab es auch Schilder!
Dieser Uhu betrachtete uns skeptisch.
Mitgekommen war diesmal wieder Dimitris Hund, dazu noch ein treuer Begleiter, den wir liebevoll Lassie tauften. Beide Hunde waren glücklich, mal ein bisschen Bewegung und Abwechslung zu bekommen, und tollten um uns herum, während wir uns den Berg hinaufquälten. Aber die Aussicht belohnte uns dann auch für den steilen Aufstieg.
Bambus säumte unseren Weg.
Insgesamt zählten wir vier Vogelspinnen auf dem Weg, alle etwa in dieser Größe. Zum Glück trugen wir festes Schuhwerk, aber die Viecher jagten uns schon Schrecken ein. So groß! Und so pelzig! Später kamen wir dann auch auf dem Weg vom vorherigen Tag heraus, aber der Abzweig war so versteckt, dass man ihn wirklich nicht erkennen konnte! Am gleichen Bergbach, aber an einer anderen Stelle, gingen wir dann wieder baden.
Hier noch motiviert, ...
... hier von der Kälte geschockt. Wenn ihr auf das Bild klickt, dann auf Show original unten links, und dann noch einmal auf das Bild - hey, ich hab mir das nicht ausgedacht! - könnt ihr den Gesichtsausdruck vergrößert genießen!
Lustige Geschichte am Rande: Als wir alle auf der anderen Seite des Flusses waren, hatte Lassie das Bedürfnis, zu uns zu kommen. So versuchte er, trockener Pfote über den Fluss zu kommen, was ihm aber nicht gelang, da er auf den glitschigen Steinen wegrutschte und vom Wasser ein paar Meter mitgerissen wurde. Als er dann da war, wollten wir aber eigentlich schon wieder zurück, und so wurde Lassie noch einmal komplett nass. Danach schüttelte er sich für ungefähr fünf Minuten - wir sind der Meinung, er hat sich bei dem Ausflug in den Bach das Gehirn weggefroren. Dimitris Hund blieb derweil faul in der Sonne liegen.
Am Abend wurde es wieder nichts mit dem Lernen, sodass die Busfahrt reichen musste (nach der Klausur wussten wir: sie hat gereicht!). Doch bevor ich zum Ende komme, mache ich einfach noch mal ein bisschen Werbung für Dimitri und das Refugio Tricahue. Ein toller Ort mitten in der Natur zum Entspannen. Wer in Chile ist und ein bisschen Ruhe braucht, der ist dort genau richtig! Und wenn ihr da seid, dann fragt nach meinen Flipflops, Havaianas Größe 46, schwarz mit grünen Streifen - die müssten noch da sein :D

Bis dann, euer Lars

Samstag, 22. Oktober 2011

Estudiando a tiempo parcial

Teilzeitstudium
Nach drei Monaten in Chile merke ich langsam, wie sich mein Aufenthalt hier dem Ende zuneigt. Noch einen Monat Vorlesungen, dann ist der Ernst des Lebens auch wieder vorbei und die Reisezeit kann beginnen! Allerdings hat sich das Studieren nicht als immer einfach herausgestellt und besonders die Streiks machen uns das Leben und Lernen schwer. Nachdem unsere Uni ja für drei Wochen komplett bestreikt wurde, hat sich die Situation bei uns wieder entspannt und wir haben grundsätzlich Vorlesungen.
Allerdings wird alle 1-2 Wochen immer mal wieder für einen oder zwei Tage zum Streik aufgerufen - dies jedoch weniger aus Protest gegen die Studienbedingungen, sondern vielmehr, um so dann und wann mal eine Pause zwischen den Klausuren zu haben, die nun Schlag auf Schlag kommen. Doch weshalb und wogegen wird in Chile überhaupt gestreikt? Darum soll es in diesem Artikel gehen, dazu kommen Bilder aus dem täglichen Leben.
Das versmogte Santiago, im Hintergrund die verschneiten Anden.

In diesem Land zur Universität zu gehen ist ein Luxus. Ein Semester an meiner Uni kostet beispielsweise für einen Einheimischen umgerechnet bis zu 5000 Euro. Viel Geld in Deutschland - sehr viel Geld in Chile, wo der Mindestlohn für 45 Wochenstunden Arbeit bei 250 Euro liegt. Die monatlichen Raten sind also doppelt so hoch wie der Mindestlohn, und die Santa María, wie meine Uni kurz für Universidad Técnica Federico Santa María genannt wird, liegt dabei noch im Mittelfeld. Andere Universitäten verlangen zum Teil doppelt so viel und bereiten so vielen Studenten schlaflose Nächte, wie sie ihr Studium finanzieren sollen.
Der Staat hält sich dabei aus der Bildung weitgehend heraus. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Schulen und Universitäten grundsätzlich kostenlos sind, wird der Bildungsauftrag daher zu großen Teilen vom privaten Sektor übernommen. Und da geht das Drama los: in der chilenischen Verfassung steht, dass die involvierten Unternehmen nicht profitorientiert sein dürfen. Den klugen Unternehmer stört diese Bedingung allerdings nicht: er gründet einfach eine weitere Firma, der dann beispielsweise das Grundstück gehört, auf dem die Uni steht. Diese Firma darf natürlich lucro ("Gewinn") machen, indem das Grundstück an die Uni teuer vermietet wird... ¿cachái? (typisch chilenischer Ausdruck: "Verstanden?")
Einer der allgegenwärtigen Straßenhunde. Nur wenige Betonplatten der Fußwege haben keine Pfotenabdrücke.

Vor etwa einem halben Jahr haben die Studenten dann die Nase voll gehabt und sind gegen diese Missachtung geltenden Rechts auf die Straße gegangen. Der konservative chilenische Präsident Sebastián Piñera - euch vielleicht für diesen Fauxpas bekannt - ist jedoch in keinster Weise auf die Demonstranten eingegangen, sondern meinte nur flapsig, es sei halt nichts im Leben umsonst.
Jede Woche gibt es Demonstrationen in der Stadt, zu denen mehrere Tausend Studenten erscheinen! Zu den Studenten gesellen sich jedoch auch immer wieder Krawallmacher, die Busse anzünden und die Polizei mit Steinen bewerfen, woraufhin Wasserwerfer und Tränengas-Sprühfahrzeuge eingesetzt werden - so schnell wird das Problem nicht zu lösen sein. Die Situation ist festgefahren, und wir können uns glücklich schätzen, dass bei uns nicht dauerhaft gestreikt wird.
Ein Tag mit wenig Smog, sodass der Cerro San Cristóbal gut erkennbar ist, von dem die virgen  ("Jungfrau") die Stadt überblickt.
Unsere Uni hat noch zwei weitere Campus (Mehrzahl mit langem U), von denen der eine en toma ("eingenommen") ist und der andere "nur" bestreikt wird. Allerdings haben die Studenten den Campus an diesem Mittwoch und Freitag jeweils für eine Stunde eingenommen, woraufhin der Rektor den Campus ebenso prompt von der Polizei räumen ließ. Ihr seht - auch, wenn wir wieder studieren, sind wir noch nicht über den Berg!
Ich persönlich kann die Studenten verstehen, weil die Studiengebühren echt teuer sind - mein Mitbewohner Gerardo zahlt beispielsweise seinen Kredit mit 1000 Euro monatlich ab, fünf Jahre lang! Auf der anderen Seite ist nun einmal nichts umsonst - da hat Señor El Presidente ("der Präsident") schon Recht - und als ich einmal den Chilenen erzählte, wie hoch in Deutschland der Spitzensteuersatz ist, fielen diese fast vom Glauben ab. Im Endeffekt gibt der deutsche Staat mir ja auch theoretisch einen Kredit, indem er mir die Uni finanziert, und ich zahle diesen später als Akademiker mit einem hoffentlich höheren Einkommen auch mit höheren Steuern zurück. Ist das günstiger? Wohl kaum. Ist es sozial gerechter? Auf jeden Fall!
Ein toller Frühlingstag in Santiago mit 30°C. In der Mitte sieht man den höchsten Turm Südamerikas, das sich noch in Bau befindende Costanera Center.

Ich weiß nicht, ob das deutsche Modell im liberalisierten Chile funktionieren würde. Würden die Studenten im Gegenzug für ein kostenloses Studium Steuersätze von 40% und mehr zahlen? Ich bin mir nicht sicher. Außerdem besteht das Problem ja nicht erst seit gestern, sondern der lucro wurde über Jahrzehnte hinweg von links orientierten Regierungen geduldet. Nun ist zum ersten Mal seit der Diktatur unter Augusto Pinochet eine konservative Regierung an der Macht, der jetzt alles in die Schuhe geschoben wird. Wird da vielleicht nur ein Sündenbock gesucht?
Aber wie gesagt sind wir fleißig am Lernen. An unserem Campus im Viertel Vitacura studieren wir jeden* Montag, Mittwoch und Freitag (*Ausnahmen: Reisen, Feiertage, Streik, Prof kommt nicht mit Ankündigung, Prof kommt nicht ohne Ankündigung ... ein passioniertes Déjà-vu!). Vitacura ist wohl das reichste Viertel in ganz Chile. Beim Joggen durch die Nachbarschaft, in der die Häuser hinter drei Meter hohen Betonmauern stehen - tolles Leben - erspäht man so dann und wann einen privaten Fußballplatz oder einen Ferrari. Die Studenten an unserem Campus kommen zu einem großen Teil aus der Gegend und somit haben sie - also ihre Eltern - die notwendige plata ("Silber" - so wie wir Kohle sagen), also gibt es für sie keinen Grund zu streiken, wenn man mal von dem Wunsch nach ein paar freien Tagen absieht.
Ein Blick vom Cerro San Cristóbal auf mein Hochhaus, das Gebäude oben links mit der vertikalen ockerfarbenen Fensterreihe.

Nichtsdestotrotz wussten wir während des dreiwöchigen Streiks im September nicht, wie lange dieser andauern würde, und hatten uns so direkt mit den Professoren in Verbindung gesetzt. Da die Studenten zahlen und die Professoren bezahlt werden, egal ob gestreikt wird oder nicht, war ein Großteil der Professoren dazu bereit, mit uns mit dem Stoff privat weiterzumachen und bereits Klausuren zu schreiben im Hinblick auf Besuche aus Deutschland und unsere Reisepläne im November und Dezember. So viel Flexibilität hätte man in Deutschland nie erwarten können, und ich bin den Professoren sehr dankbar dafür!
Erwähnenswert ist, dass Uni in Chile so wie Schule in Deutschland ist. In jedem Fach werden während des Semesters 2-4 Klausuren geschrieben, und hinzu kommen viele Tests und Hausaufgaben. Während man in einigen Fächern wie Administración de Empresas ("BWL") oder Recursos Humanos ("Psychologie") eine ganze Menge Fachbegriffe auswendig lernen muss - Beispielfrage: Wie lauten die sechs Eigenschaften eines guten Anführers? - lernen wir in Programación ("Informatik") das Programm Python kennen, was echt Spaß macht. In Aerodinámica ("Aerodynamik") leiten wir viele Formeln her und beschreiben den Einfluss von Flügelformen und Gewichtsverteilung, und in Electrotécnia ("Elektrotechnik") - dem wahrscheinlich schwersten Fach - berechnen wir komplexe Wechselströme.
Die chilenische Nationalflagge vor scheinbar diesiger Luft, die tatsächlich aber einfach nur dreckig ist.

Durch unser frühzeitiges Bemühen, den ursprünglichen Zeitplan einzuhalten, sind wir tatsächlich mit allen Klausuren (bis auf eine) am 19. November fertig, und müssen dann am 30. November noch einmal antanzen, bevor wir endgültig unsere viermonatigen Semesterferien genießen können.
Ich hoffe, euch hat der Einblick in die chilenische Studienwelt gefallen. Falls noch Fragen offen sind, dann stehe ich euch gerne in den Kommentaren Rede und Antwort.

Euer Lars

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Pisco, pengüinos y la pampilla

Pisco, Pinguine und die Pampilla

Für den chilenischen Nationalfeiertag am 18. September sollte in La Serena, eine Stadt sechs Stunden nördlich von Santiago, richtig die Post abgehen. Außerdem war ich von der Mutter von Gerardo, meinem Mitbewohner, für die sogenannten fiestas patrias ("patriotische Feiern") eingeladen worden. Die Familie stammt passenderweise aus dem Nachbarort Coquimbo und so kauften Basti, Patrick, Flo und ich ein paar Tage vorher die Busfahrkarten.

Tag 1 - Samstag, 17. September 2011
Um kurz vor 8 machten wir uns auf den Weg auf der Panamericana - links der Pazifik ...
... und rechts die Wüste.
Unsere Sitzplätze für etwa 10.000 Pesos, oder umgerechnet 15 Euro: obwohl wir die günstigsten verfügbaren Plätze gewählt hatten, waren die Sitze à la Semi-Cama ("Halbbett") alles andere als Holzklasse, wie man hier auf dem Bild von Patrick und Flo sieht!
Nach der Ankunft wollten wir erst einmal die Rückfahrkarte kaufen. Da am Montag praktischerweise ein weiterer Feiertag lag, wollten wir am Dienstag zurück, da am Mittwoch eine Elektrotechnik-Klausur anstand. (Ja, wir studieren auch.) Doch die ersten beiden Busgesellschaften waren schon komplett ausgebucht und so kam uns die Idee, von Dienstag auf Mittwoch durch die Nacht zurückzureisen, wo noch 7 Sitzplätze verfügbar waren. Planmäßige Ankunft um 6 Uhr, Klausur um 8.15 Uhr? Passt!
Anschließend besichtigten wir die Kolonialstadt La Serena und die obligatorische plaza de armas ("Waffenplatz"), die in jeder anständigen chilenischen Stadt zu finden ist und das Stadtzentrum markiert.
Wir schlenderten noch ein wenig durch die Stadt und begutachteten das angebotene Kunsthandwerk, bevor Basti, Patrick und Flo dann in ihr Hostel einkehrten und ich mich mit dem Bus ins 20 Minuten entfernte Coquimbo aufmachte, um dort Gerardos Familie zu treffen. Später wollten wir dann gemeinsam zur pampilla gehen, die den Höhepunkt der fiestas patrias darstellte - ein Markt mit Bars, Essensständen, Kleidung, Konzerten und Fahrgeschäften, ähnlich dem Hamburger Dom.
Die Familie wohnte zwar nur 10 Minuten zu Fuß weg von der pampilla, doch das Grillen zog sich klassisch chilenisch ein Weilchen hin und so dauerte es von 21 Uhr - "jetzt gibt es gleich was zu essen, und dann gehen wir los!" - noch satte vier Stunden, bis wir endlich loskamen!
Auf diesem Bild bin ich mit Gerardo und seinen Eltern Wilson und Gladys zu sehen.

Nach einem Rundgang über die pampilla und einem leckeren terremoto ("Erdbeben", besteht aus billigem Wein mit Kräuterlikör, Ananaseis und Grenadinesirup) wurden dann meine Freunde noch eingeladen, mit zu uns nach Hause zu kommen. Mittlerweile war es schon nach 3 Uhr und wir hatten alle Appetit, sodass der Grill angeschmissen wurde und noch ein paar choripanes - Wortkombination aus chorizo ("Würstchen") und pan ("Brot") - serviert wurden.
Basti, Patrick und Flo bei Gerardo im Garten.

Nach einer Weile forderte Gerardos Vater Wilson uns auf, doch etwas Deutsches zu singen. Welches Lied können denn alle Deutschen singen? Ich erinnerte mich an die Interkulturelle Sommerakademie von AFS in Karlsruhe, bei der wir genau darüber gesprochen hatten und der Professor uns den Tipp gegeben hatte, in einer solchen Situation "3 Chinesen mit dem Kontrabass" anzustimmen. Klingt zwar dämlich, aber es zu versuchen war besser als gar nicht zu singen.
Und tatsächlich! Unsere Sangeskünste überzeugten ihn und so dauerte es noch bis 5 Uhr, bis meine Freunde sich auf den Weg nach La Serena machten und ich übermüdet aufs Sofa fiel.

Tag 2 - Sonntag, 18. September 2011

Den Nationalfeiertag verschliefen wir alle mindestens zur Hälfte. Während die anderen zu einem Rodeo fuhren, entschied ich mich dazu, Coquimbo zu erkunden.
Von einem Hügel mit einem riesigen Kreuz hatte man einen tollen Ausblick über die Stadt und die Bucht, die ein Kapitän wohl einmal zu spät bemerkt hatte.
Mit chilenischen Fahnen geschmückte Häuser säumten die steilen Straßen am Hang. Ich fühlte mich an Kolumbien zurückerinnert, wo ich mich nie getraut hätte, allein und unbewaffnet mit meiner Kamera den Berg hinaufzusteigen! Dies ist jedoch in Chile problemlos möglich und ich fühlte mich bisher eigentlich nie unsicher.
Auf einem kleineren Hügel steht eine Moschee, die vom marokkanischen König gestiftet wurde und einen Gegensatz zum eigentlich alles überstrahlenden Kreuz bietet. Der Anblick überrascht doch sehr.
Anschließend fuhr ich noch ein wenig mit Gerardo durch Coquimbo und er zeigte mir die Strandpromenade, die im Sommer (Dezember bis Februar) gut bevölkert ist, und den Hafen.
Abends traf ich mich dann mit Basti, Flo und Patrick wieder auf der pampilla, wo wir bei einem Konzert den Nationalfeiertag entspannt ausklingen ließen. Schließlich wollten wir am nächsten Tag früh los.
Tag 3 - Montag, 19. September 2011

Etwa 100 Kilometer nördlich von La Serena liegt die Reserva Nacional Pingüino de Humboldt ("Nationalreservat Humboldtpinguin"). Keiner von uns hatte bis dato Pinguine in freier Wildbahn gesehen und so nahmen wir an der Tour für 35.000 Pesos (etwas mehr als 50 Euro) teil, die im Hostel angeboten wurde.
In den vergangenen Wochen hatte es viel geregnet und so war die Wüste zwischen der Stadt und dem Reservat ungewöhnlich grün.
Zwischen Kakteen und Gestrüpp sah man dann und wann ein Guanako-Lama.
Nach einer Stunde auf der gut ausgebauten und asphaltierten Panamericana und einer weiteren Stunde Schotterpiste kamen wir dann an der Mole an, wo das Boot wartete, das mich, Patrick, Basti und Flo zu den Pinguinen bringen sollte.
Nach kurzer Fahrt sahen wir Pelikane auf den Steinen der geschützten und daher unbewohnten Insel sitzen.
Die Insel war jedoch nicht immer schon unbewohnt: bis in die neunziger Jahre hinein wohnten dort Leute und es gab sogar ein Fußballfeld. Doch zum Schutz der folgenden gefiederten Freunde wurde die Insel glücklicherweise unter Naturschutz gestellt.
Süß, oder?
Im eiskalten Wasser tummelten sich Delfine, die vergnügt um unser Boot herumsprangen - und dann und wann auch einmal vor meine Kamera.
Wer hätte gedacht, dass man in Chile aus nächster Nähe Pinguine und Delfine sehen kann? Doch noch hatten wir nicht alles gesehen - auf den Felsen entspannten sich Seelöwen ...
... und Kormorane.
Dieser Vogel wird zum Fischfang benutzt, indem ihm ein Band um den Hals gebunden wird und daran ein Seil befestigt wird. Nun lässt man den Kormoran nach Fischen tauchen. Einmal gefangen, kann der Kormoran den Fisch jedoch wegen des Bandes nicht herunter schlucken, sodass er auftaucht. Dort nimmt der Fischer den Fisch aus dem Schnabel des Vogels und gibt ihm im Gegenzug ein Leckerli, bevor der Vogel wieder zum Tauchen geschickt wird. Doch nicht nur deshalb sind Kormorane hoch geschätzt in Chile, sondern auch wegen ihren Ausscheidungen, des sogenannten guano.
Deshalb kam es sogar einmal zu einem Krieg. Das guano enthält nämlich viel Salpeter und war bis zur Erfindung des Kunstdüngers der einzig verfügbare Dünger. Im Salpeterkrieg von Achtzehnhundertschießmichtot eroberte Chile im Norden große Teile Perus und Boliviens.
Seitdem ist Bolivien ohne Meerzugang, was natürlich eine große Exportbarriere darstellt und eine Ursache für die Armut des Landes darstellt. Mittlerweile ist Kunstdünger natürlich sehr viel günstiger und einfacher zugänglich, doch nichtsdestotrotz ist es in Chile immer noch verboten, das guano auch nur anzufassen!
Ein Seestern.
Im Anschluss an die faszinierende Tierwelt besuchten wir die Isla Damas, die "Insel der Damen".

Da dort keine geschützten Tierarten leben, ist es den Touristen erlaubt, die Insel zu betreten.
Dort hatten wir eine Dreiviertelstunde Zeit zur Erkundung.
Sogar die Kakteen blühten!
Ein letzter Blick auf die Bucht, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machten. Im Reisepreis enthalten war ein vorzügliches Mittagessen mit Fisch, Reis, Salat und einem Eis als Nachtisch. Das war auch gut, denn als wir wieder in La Serena ankamen, ging es auch sofort weiter. Wir rannten zum Busterminal der Stadt, da wir noch am gleichen Abend weiter nach Vicuña wollten.
Dort befindet sich das Observatorio Mamalluca, ein Sternenobservatorium, bei dem wir eine Führung für 20.30 Uhr gebucht hatten. Die Stadt Vicuña, eine Stunde östlich von La Serena gelegen, ist nämlich für ihre klaren Nächte bekannt, die nur an 30 Tagen im Jahr bewölkt sind. Quasi die Ergänzung zu Bremen, wo die Nächte mit Glück 30-mal jährlich wolkenfrei sind! Vor der Führung bauten wir jedoch noch unsere Zelte im Garten eines Hostels auf.
Zwischendrin gabelten wir Bastis chilenischen Mitbewohner Sergio auf, der zufällig in der Gegend war und hier neben Flo, mir, Patrick und Basti zu sehen ist. Im Hintergrund steht übrigens ein Teleskop des Observatoriums, das nur für Touristen erbaut wurde. Uns wurde der Sternenhimmel erklärt, verschiedene Sternzeichen wie der Skorpion - der Don unter den Sternzeichen - gezeigt und wir lernten, wie man mit dem Kreuz des Südens die Richtung bestimmen kann, in der Süden liegt.
Anschließend fuhren wir zum Hostel. Ich war der einzige ohne Schlafsack und man kann es kaum glauben, wie kalt die Nächte in der Wüste werden können. 5 Schichten Kleidung - und trotzdem wachte ich um 7 Uhr steif gefroren auf.

Tag 4 - Dienstag, 20. September 2011

Doch schnell ging die Sonne auf und erwärmte das Tal. Nach einem leckeren Frühstück fuhren wir mit dem Bus in das Dorf Pisco Elqui, in dem - wie der Name schon sagt - Pisco hergestellt wird, der chilenische Schnaps aus Weintrauben.
Sergio handelte einen guten Preis mit dem Busfahrer aus und wir fuhren für eine Stunde durch schöne Täler, bis wir an unserem Ziel ankamen.
Dort wollten wir eine Piscodestillerie besichtigen. Die im Dorf gelegene Destillerie von Mistral verlangte jedoch 6000 Pesos (9 Euro) für den einstündigen Rundgang. Das war uns zu viel und so schauten wir uns zunächst den Marktplatz an, bis wir uns einig waren, was wir machen sollten.
Schließlich hörten wir von einer weiteren Destillerie, eine Dreiviertelstunde Fußmarsch vom Dorf entfernt. Das erschien uns die bessere Zeitnutzung und so stapften wir eine Landstraße entlang, auf der Suche nach der Destillerie und vielleicht einem kühlen Fluss zum Baden.
Grundstück zu verkaufen! Aus Deutschland müsst ihr bei Interesse noch 00569 vorwählen.

Da Flo und Sergio per Anhalter mitgenommen wurden - für uns war kein Platz mehr - trennten sich unsere Wege.
Patrick, ich und Basti fanden tatsächlich ein Bächlein, in dem wir unsere Füße abkühlen konnten, aber zum Baden war der Bach erstens zu klein und zweitens war es wirklich affenkalt, trotz der 30 Grad Außentemperatur - Schneeschmelzwasser halt.
Doch am Ende fanden wir uns wieder, kauften ein paar Flaschen Pisco als Andenken und reisten abends entspannt wieder nach Santiago, um nach einer kurzen Nacht im Bus am nächsten Tag ein bisschen müde, aber bestens vorbereitet die Klausur zu schreiben.

Bis zum nächsten Reisebericht, euer Lars